Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an David Hockney, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
David Hockney
12.06.2026 um 17:30 Uhr von RedaktionEin Leben im Blick
David Hockney war ein Künstler, der die Welt nicht einfach abbildete, sondern ihr mit wacher, unermüdlicher Neugier begegnete. Am 11. Juni 2026 ist er in London gestorben, einen Monat vor seinem 89. Geburtstag. Geboren wurde er am 9. Juli 1937 in Bradford, West Yorkshire, als viertes von fünf Kindern. Aus dieser nordenglischen Herkunft, aus der frühen Nähe zur Landschaft, zur Familie und zum genauen Hinsehen, wuchs ein Werk, das später Kontinente, Techniken, Räume und Zeiten umfassen sollte.
Schon sein Vater, der Buchhalter Kenneth Hockney, malte in seiner Freizeit und erkannte die Begabung des Sohnes früh genug, um sie nicht kleinzuhalten. So erhielt David Hockney privaten Malunterricht, besuchte Kunstschulen in Bradford und ging schließlich an das Royal College of Art in London. Dort fühlte er sich, wie er selbst sagte, zu Hause. Dieses Wort ist bezeichnend: Für Hockney war Kunst kein fernes Feld, keine Pose, kein äußerer Glanz. Sie war ein Ort, an dem er atmen, prüfen, widersprechen und arbeiten konnte.
Der Mut zur eigenen Linie
Am Royal College of Art trat Hockney bereits mit jener Mischung aus Eigensinn, Witz und künstlerischer Entschlossenheit hervor, die sein Leben begleiten sollte. Er stellte mit den Young Contemporaries aus, lernte R. B. Kitaj kennen und bewegte sich in einem Umfeld, das die britische Pop-Art ankündigte. Doch so nahe man ihn diesem Begriff auch rückte, ganz aufgehen ließ er sich darin nie. Pop war für ihn eher eine Nachbarschaft als eine Heimat. Sein Werk blieb privater, persönlicher, suchender.
Früh zeigte sich auch, dass seine Kunst nicht nur Formen, Farben und Räume meinte, sondern Leben. In einer Zeit, in der Homosexualität in Großbritannien noch strafbar war, malte er Bilder, in denen männliche Liebe, Begehren und Nähe sichtbar wurden. Nicht laut, nicht plakatierend, sondern mit einer künstlerischen Sprache, die Codes, Zeichen und Zärtlichkeit miteinander verband. Dass er sich 1960 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, gehört zu diesem Bild eines Künstlers, der die eigene Existenz nicht von der Kunst trennte.
Als das College ihn wegen formaler Anforderungen am Abschluss hindern wollte, reagierte er nicht angepasst, sondern malend. Life Painting for a Diploma wurde zu einer Antwort in Farbe und Haltung. Am Ende erhielt er sein Diplom, weil seine Begabung stärker sprach als die Regeln, die ihn begrenzen sollten.
Kalifornisches Licht und die Kunst des Sehens
In den 1960er Jahren öffnete sich für David Hockney ein Raum, der zu seinem Bildgedächtnis gehören sollte: Kalifornien. Los Angeles, Swimmingpools, Palmen, Wasser, Architektur, harte Schatten und leuchtende Acrylfarben wurden zu Bestandteilen einer neuen Bildwelt. Werke wie Peter Getting Out of Nick’s Pool und A Bigger Splash machten ihn berühmt, doch ihre Wirkung lag nicht nur im Motiv. Hockney verstand es, scheinbar Alltägliches so zu ordnen, dass es plötzlich still, gespannt und beinahe rätselhaft wurde.
Ein Wasserspritzer konnte bei ihm zwei Wochen Arbeit bedeuten. Diese Geduld sagt viel über ihn. Er war kein Künstler der schnellen Geste, auch wenn seine Bilder oft leicht wirken. Hinter der Klarheit stand Arbeit, hinter der Farbigkeit Genauigkeit, hinter der Eleganz eine tiefe Beschäftigung mit der Frage, wie wir sehen.
Sein Blick wanderte weiter: nach Iowa, in die Rocky Mountains, nach Beirut, Marokko, Frankreich, Japan, Südostasien, Australien und in die Südsee. Er lebte zwischen Los Angeles, London und Paris. Doch Reisen waren für ihn keine Sammlung exotischer Kulissen. Sie waren Gelegenheiten, das Sehen neu zu prüfen.
Freunde, Räume, Beziehungen
Besonders eindringlich sind Hockneys Porträts. Er malte Freunde, Eltern, Paare, Menschen aus seinem Umfeld. In diesen Bildern geht es selten um bloße Ähnlichkeit. Oft wirken die Figuren ruhig, fast wie in einem sorgfältig gebauten Raum aus Blicken, Abständen und unausgesprochenen Beziehungen. Hockney interessierte, wie zwei Menschen zueinanderstehen, wie sie in einem Zimmer anwesend sind, wie eine Haltung, ein Möbelstück, ein Fenster, ein leerer Zwischenraum etwas über Nähe und Distanz erzählen kann.
Auch darin war er ein Künstler des Persönlichen. Er reflektierte die moderne Welt nicht vordergründig, sondern durch Dinge, Orte und Menschen, die ihm nah waren. Seine Kunst konnte glänzend, farbstark, kühl und sonnendurchflutet erscheinen; zugleich blieb sie aufmerksam gegenüber Einsamkeit, Intimität und der stillen Spannung zwischen Menschen.
Bilder aus vielen Blicken
Ab den 1970er Jahren begann Hockney, mit Fotografie zu experimentieren. Polaroids, Farbabzüge, Collagen aus vielen Einzelaufnahmen: Er zerlegte den Blick, um ihn neu zusammenzusetzen. Aus manchmal mehr als hundert Fotografien entstanden Bilder, die an den Kubismus erinnerten und doch ganz aus seiner eigenen Untersuchung der Wahrnehmung hervorgingen. Der Mensch sieht nicht wie eine Kamera, und Hockney wollte diesem Unterschied nachspüren.
Landschaften, Porträts, Straßen, Pools und Innenräume wurden zu vielteiligen Erfahrungsräumen. Später verband er Fotografie und Malerei auch beim Grand Canyon. Er fotografierte, kehrte zurück, sah erneut, malte großformatig und machte aus einem Naturraum ein Feld vieler Blicke. Ihn faszinierte, dass dort keine einfache Perspektive genügte. Man musste mehrfach schauen, sich bewegen, das Ganze nicht besitzen wollen, sondern ihm begegnen.
Yorkshire, Natur und spätes Leuchten
In den 1990er Jahren zog es David Hockney wieder stärker nach Yorkshire, auch um bei seinen älter werdenden Eltern zu sein. Dort fand er in der Landschaft seiner Herkunft eine neue große Aufgabe. Wälder, Wege, Holzstapel, Heuhaufen, Bäume und Jahreszeiten wurden zu Motiven einer Malerei unter freiem Himmel. Der Künstler als Teil der Natur: Diese Idee passte zu ihm, weil sie Demut und Wachheit verband.
Seine späten Landschaften sind oft groß, farbkräftig, segmentiert, voller Energie. Sie zeigen nicht Natur als Hintergrund, sondern Natur als Gegenwart. Man spürt in ihnen einen Menschen, der auch im hohen Alter nicht rückwärtsgewandt war. Hockney blieb neugierig auf neue Mittel: Farbkopierer, Faxgeräte, Lithografie, digitale Bilder, iPad-Zeichnungen, 3D-Fotografien. Technik war für ihn kein Gegensatz zur Kunst, sondern eine weitere Möglichkeit, Bilder zu denken.
Diese Offenheit hatte nichts Spielerisches im oberflächlichen Sinn. Sie gehörte zu seiner Arbeitsmoral. Er beschrieb sich selbst als getrieben, als jemanden, der immer arbeitet. Talent allein genügte ihm nicht. Es musste in Bewegung bleiben.
Eigensinn, Farbe und Nähe
Auch als Persönlichkeit blieb David Hockney unverwechselbar: die runde Brille, die farbenfrohe Kleidung, der exzentrische Stil, der nie bloße Verkleidung war, sondern sichtbarer Ausdruck eines Menschen, der Farbe ernst nahm. Er schwamm gern, möglichst jeden Morgen. Er liebte Dackel; Stanley und Boogie nannte er seine besten Freunde und malte sie. Seit 1979 trug er Hörgeräte, weil sein Gehör nachließ, doch seine Schaffenskraft blieb davon unberührt.
Er konnte scharf urteilen, pointiert sprechen, widersprechen. Er verteidigte das Handwerk in der Kunst und wandte sich gegen eine Vorstellung von Poesie ohne Können. Er kommentierte Fotografie, Malerei, Rauchen, Musik, Perspektive, Farbe und Geschichte mit einer Mischung aus Direktheit, Humor und Überzeugung. Seine Interviews galten als seltene Ereignisse, weil er nicht bloß Auskunft gab, sondern Denken sichtbar machte.
Ein stiller Ausklang
David Hockney hinterlässt ein vielschichtiges Werk aus Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen, Lithografien, Bühnenbildern, Fotografien, Collagen, iPad-Bildern und medialen Experimenten. Es reicht von den kalifornischen Pools bis zu den Wäldern Yorkshires, von intimen Porträts bis zu monumentalen Landschaften, von der Handzeichnung bis zum digitalen Bild. Doch in all dieser Vielfalt bleibt ein Kern: die Freude am Sehen, die Geduld des Arbeitens, der Mut zum Eigenen.
Er hat die Welt nicht vereinfacht, um sie gefällig zu machen. Er hat sie in Farbe, Fläche, Perspektive, Erinnerung und Gegenwart zerlegt, damit wir genauer hinschauen. Vielleicht ist das die leiseste und schönste Bewegung seines Werks: Es lädt nicht zum schnellen Urteil ein, sondern zum wiederholten Blick.
Nun stehen seine Bilder da, hell und wach, als Spuren eines Menschen, der bis zuletzt wissen wollte, wie die Welt aussieht. In ihnen bleibt nicht nur ein Künstler gegenwärtig, sondern ein Blick, der das Sichtbare ernst nahm und ihm immer wieder neue Möglichkeiten abgewann.