Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Glen Hansard , wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Glen Hansard
31.07.2026 um 08:15 Uhr von RedaktionBei Glen Hansard war Musik nie bloß Darbietung. Sie war Begegnung, Wagnis, Bewegung und oft ein Augenblick, in dem zwischen Bühne und Publikum jede Distanz verschwand. Er konnte vor Tausenden Menschen stehen und dennoch den Eindruck erwecken, als singe er nur für die wenigen, die gerade wirklich zuhörten. Vielleicht lag das daran, dass seine Kunst dort begonnen hatte, wo niemand verpflichtet ist, stehen zu bleiben: auf den Straßen von Dublin.
Dort lernte er, mit einer Gitarre, einer Stimme und einer Geschichte um Aufmerksamkeit zu bitten. Nicht durch Glanz oder Pose, sondern durch Dringlichkeit. Wer auf der Straße musiziert, muss einen Raum erschaffen, wo keiner vorgesehen ist. Hansard beherrschte diese Kunst ein Leben lang. Auch in großen Konzertsälen blieb etwas von dem Straßenmusiker in ihm erhalten: die Bereitschaft, auf Technik zu verzichten, an den Bühnenrand zu treten und den eigenen Gesang ohne Schutz in den Raum zu geben.
Als bei einem Auftritt in der Carnegie Hall im März 2019 Tonprobleme auftraten, zog er das Kabel aus seiner Gitarre und sang weiter. Für einen Moment wurde aus dem ehrwürdigen Saal eine Dubliner Straßenecke, aus einem Konzert ein unmittelbares gemeinsames Erlebnis. Mitten in Van Morrisons „Astral Weeks“ sagte er einen Satz, der viel über sein künstlerisches Selbstverständnis verriet: Wer aus dem Herzen singe, könne nicht falsch liegen.
Die Straße als erste Bühne
Glen Hansard, geboren am 21. April 1970 in Dublin, wurde Sänger, Gitarrist, Songwriter und Schauspieler. Doch hinter diesen Bezeichnungen stand stets dieselbe Haltung: Er wollte nicht über das Leben hinwegspielen, sondern mitten hinein.
Mit The Frames fand er eine Band, in der seine Stimme ihre ganze Spannweite entfalten konnte. Die Gruppe verband die Unmittelbarkeit des Rock mit der erzählerischen Kraft des Songwritings. Auf Alben wie Fitzcarraldo, Dance the Devil …, For the Birds, Burn the Maps und The Cost entwickelte Hansard eine musikalische Sprache, die selten bequem war. Seine Lieder konnten drängen und stolpern, leise beginnen und sich in große Entladungen steigern. Sie ließen Widersprüche bestehen, anstatt sie vorschnell aufzulösen.
Sein Gesang war nicht auf Schönheit im herkömmlichen Sinn ausgerichtet. Er durfte brechen, flüstern, bitten, rufen und sich beinahe überschlagen. Gerade dadurch wurde er unverwechselbar. Hansard sang nicht, um Vollkommenheit vorzuführen. Er sang, um einen Zustand sichtbar zu machen.
Einem größeren Publikum wurde er zunächst als Schauspieler bekannt. In Die Commitments spielte er 1991 den Gitarristen Outspan Foster. Später übernahm er in Once die Rolle eines Dubliner Straßenmusikers, eine Figur, die seiner eigenen Biografie so nahekam, dass Film und Wirklichkeit beinahe ineinander übergingen.
Ein Lied, das seinen Weg machte
Gemeinsam mit der tschechischen Musikerin Markéta Irglová nahm Hansard 2006 unter dem Namen The Swell Season ein Album auf. Im selben Jahr schrieben beide die Musik zu Once. Der Film erzählte seine Geschichte in einer schlichten, zurückhaltenden Form und vertraute auf das, worauf auch Hansard vertraute: dass ein Lied zwei Menschen näherbringen kann, ohne alle Fragen beantworten zu müssen.
Für „Falling Slowly“ erhielten Hansard und Irglová 2008 den Oscar für den besten Song. Das Stück wurde weit über den Film hinaus bekannt. Es besitzt jene leise Steigerung, die für viele seiner Arbeiten charakteristisch war: Zunächst scheint die Musik beinahe vorsichtig aufzutreten, dann öffnet sie sich, gewinnt Kraft und trägt ihre Verletzlichkeit plötzlich in die Weite.
Der Erfolg von Once veränderte Hansards Leben. Der Film wurde zu einem internationalen Publikumserfolg und später zu einem Broadway-Musical. Doch die Rolle des aufrichtigen, etwas verlorenen Straßenmusikers wurde auch zu einem Bild, gegen das er sich immer wieder behaupten musste. Er wusste, dass er mehr war als der Mann hinter „Falling Slowly“, mehr als jene eine Figur, die das Publikum so bereitwillig mit ihm verband.
Diese Spannung zwischen Wiedererkennbarkeit und Erneuerung gehörte zu seinem künstlerischen Antrieb. Er wollte dem treu bleiben, was ihn geprägt hatte, ohne sich davon festlegen zu lassen.
Mit The Swell Season veröffentlichte er 2009 das Album Strict Joy. Später führte ihn sein Weg als Solokünstler weiter. Rhythm and Repose erschien 2012, gefolgt von Didn’t He Ramble, Between Two Shores, This Wild Willing und All That Was East Is West of Me Now. Seine Musik blieb dabei in Bewegung. Sie nahm Elemente aus Folk, Rock, Soul, Jazz und experimentelleren Klangwelten auf, ohne den erzählerischen Kern zu verlieren.
Die Unruhe als schöpferische Kraft
Hansard kannte die Gefahr, sich im eigenen Stil einzurichten. Nach Between Two Shores sprach er offen darüber, dass ihm manche vertraute Abläufe zu selbstverständlich geworden seien. Für This Wild Willing wollte er deshalb vieles loslassen: das Bild des Folk-Sängers, die gewohnte Songform, sogar die Vorstellung davon, wer „Glen Hansard“ musikalisch zu sein hatte.
Der Eröffnungssong „I’ll Be You, Be Me“ zeigte diese Lust am Aufbruch besonders deutlich. Flüstergesang, Drum-Loops, Lärmflächen und ein zunehmend aufgelöster Klang standen weit entfernt von der akustischen Schlichtheit, mit der viele ihn verbanden. Und doch bestand Hansard darauf, dass der Mann hinter diesem Stück derselbe sei, der „Falling Slowly“ geschrieben hatte.
Darin lag etwas Wesentliches: Er verstand Identität nicht als festes Bild, sondern als Raum, der immer wieder neu betreten werden muss. Der Straßenmusiker, der Rockfrontmann, der Oscarpreisträger, der Balladensänger, der Suchende inmitten elektronischer Klänge, sie alle gehörten zu ihm.
Seine musikalischen Vorbilder waren deutlich zu hören, ohne dass er ihnen bloß nacheiferte. Van Morrison wurde für ihn zu einem Leitstern, ebenso prägten ihn Songwriter wie Leonard Cohen und Joni Mitchell. Zugleich war Hansard ein außergewöhnlicher Interpret fremder Lieder. Wenn er Stücke anderer sang, machte er sie nicht einfach zu seinen eigenen. Er legte vielmehr offen, warum sie ihn etwas angingen.
Auch als Erzähler besaß er eine besondere Gabe. Zwischen den Liedern konnte er Geschichten ausbreiten, Umwege nehmen, Erinnerungen aufscheinen lassen und einen ganzen Saal mit jener Mischung aus Humor, Ernst und ungekünstelter Nähe halten, die seine Auftritte auszeichnete.
Staunen und Dunkelheit
Die Lieder von Glen Hansard handelten nicht von einer heilen Welt. Sie kannten Einsamkeit, Unruhe, unerreichbar gewordene Nähe und das Gefühl, dass das Leben mehr verlangt, als ein Mensch gerade tragen kann. In „High Horses“, „Her Mercy“ oder dem frühen Frames-Song „Revelate“ begegnen sich Schmerz und Schönheit, Überforderung und ein fast trotziges Staunen.
Seine Musik versuchte nicht, die Dunkelheit zu vertreiben. Sie suchte nach einem Licht, das neben ihr bestehen konnte. Darin lag ihre tröstende Kraft. Hansard gab keine einfachen Antworten. Er nahm Gefühle ernst, gerade dann, wenn sie widersprüchlich blieben.
Diese Haltung zeigte sich auch außerhalb seiner eigenen Konzerte. Bei der Trauerfeier für Shane MacGowan im Dezember 2023 sang er gemeinsam mit Lisa O’Neill „Fairytale of New York“, begleitet von Mitgliedern der Pogues und engen Weggefährten. Es war ein Moment, in dem Musik Erinnerung, Abschied und Gemeinschaft zugleich tragen musste , eine Aufgabe, für die Hansards offene, raue Stimme wie geschaffen war.
Sein privates Leben teilte er mit seiner Ehefrau, der finnischen Dichterin Maire Saaritsa, und seinem Sohn. Am 29. Juli 2026 kam Glen Hansard im Alter von 56 Jahren bei einem Motorradunfall auf einer Landstraße in Lucan bei Dublin ums Leben.
Noch wenige Monate zuvor hatte er davon gesprochen, weiterarbeiten zu wollen: in der Welt zu sein, Musik zu machen, den Fuß nicht vom Gaspedal zu nehmen. Diese Worte wirken nun schmerzlich, weil sie von einem Menschen stammen, der sich nicht zurückziehen wollte. Doch sie entsprechen zugleich genau der Energie, die sein Schaffen durchzog.
Ein Lied ohne schützende Distanz
Es bleibt das Bild eines Mannes, der am Bühnenrand steht, das Kabel aus der Gitarre gezogen, und singt. Kein technischer Schutz, keine inszenierte Entfernung, nur Stimme, Holz, Saiten und ein Raum voller Menschen.
So war Glen Hansard am stärksten: nicht dann, wenn alles vollkommen funktionierte, sondern wenn aus einer Störung plötzlich Wahrheit wurde. Er konnte einen großen Saal klein und vertraut machen. Er konnte ein leises Lied so lange wachsen lassen, bis es den ganzen Raum erfasste. Und er konnte in rauen Tönen eine Zärtlichkeit hörbar machen, die glatter Gesang niemals erreicht hätte.
Seine Musik bleibt voller Bewegung: ein Schritt nach vorn, ein kurzes Zögern, ein erneutes Ansetzen. Sie trägt die Spuren der Dubliner Straßen ebenso in sich wie die Weite internationaler Bühnen. Vor allem aber bewahrt sie jene seltene Bereitschaft, sich einem Augenblick ganz auszusetzen.
Glen Hansard sang, als müsse ein Lied nicht nur gehört, sondern durchlebt werden. Wer ihm zuhörte, konnte spüren, dass er diesen Anspruch zuerst an sich selbst stellte.